Aktive Privatbahn - Neues Leben im
Streckendreieck
von Martin Menke und Jürgen Schimanski
Für ihre Aktivitäten in Nordrhein Westfalen suchte die
Prignitzer Eisenbahn einen Stützpunkt. Auf einem Thyssen-Werksgelände in Mülheim
an der Ruhr fand sie ihn und errichtete dort ein komplett neues Bahnbetriebswerk
in alten Gemäuern.
Eingekeilt zwischen der Bergisch-Märkischen Strecke Oberhausen/Duisburg-Essen,
der Ruhrtalbahn Styrum-Kettwig, der Rheinischen Bahn Speldorf-Heissen und der
Ruhr, die bis Mülheim
Bundeswasserstraße ist, liegt das verkehrsgünstige Gelände der
Friedrich-Wilhelms-Hütte (FWH) in unmittelbarer Nähe der Mülheimer Innenstadt.
Bereits 1811 wurde hier eine mechanische Werkstatt gegründet. Nachdem bereits
1820 eine Eisenschmelze und 1848 der erste Kokshochofen entstand, 1862 eine
Rohrgießerei für die Fertigung von Röhren bis 1,20 m Durchmesser und 4 m Länge
angegliedert wurde, konnte am 9. September 1873 ein Anschlussgleis zur
Rheinischen Bahn in Betrieb genommen werden. Da es quer durch eine Wohnbebauung
führte und mehrere
Brücken und Viadukte erforderte, ließ die Preußische Staatsbahn das
Anschlussgleis abbauen und eine wesentlich kürzere Verbindung zum Bahnhof
Mülheim (Ruhr) an der seit 1860 betriebenen Bergisch-Märkischen Strecke legen.
Die FWH erhielt dafür am 1. April 1887 eine Abfindung von 24000 Mark. Auf Grund
der Erweiterung der Produktionsanlagen und dem Umbau des Mülheimer Bahnhofs,
wurde der bisher als Privatanschlussbahn „Hafenbahn Friedrich-Wilhelms-Hütte“
geführte Anschluss kurz nach der Jahrhundertwende zum Bahnhof Styrum verlegt.
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Während die FWH als eigenständige GmbH in der Georgsmarienhütte Holding GmbH
immer noch produziert, verkehren auf der Ruhrtalbahn seit 1968 und auf der
Rheinische Bahn seit 2002 keine Züge mehr. Auch das auf der linken Ruhrseite
gelegene Anschlussgleis zur Drahtseilere Kocks, das beide Strecken unterquerte
und an der Mülheimer Hafenbahn angeschlossen war, ist inzwischen Rückgebaut.
Geblieben sind aber die Bahnhöfe Mülheim (heute West) und Styrum mit regem
Anschlussverkehr an die Werkbahn der Mannesmann Röhrenwerke (heute Eisenbahn +
Häfen) und auf das Gelände der FWH. Für Eisenbahnfreunde auch interessant sind
der erhaltene Wasserturm „Speldorf“ des gleichnamigen Ausbesserungswerkes mit
der Camera Obscura, der heute als Kulturzentrum genutzte Ringlokschuppen in
Broich (www.muelheim-ruhr.de) und das
1:87 Modell der Ruhrtalbahn (s. em 4/94) mit ersten Teilen der FWH im
Vereinshaus der Eisenbahnfreunde Mülheim (www.efmh.de)
direkt gegenüber dem Rathausturm. Letzterer ist mit seinem Büromuseum regelmäßig
geöffnet und bietet eine gute Rundumsicht auf die umliegenden Eisen- und
Straßenbahnstrecken.
Wenn man Glück hat sieht man eine Überführungsfahrt der rot-blauen Triebwagen
der Prignitzer Eisenbahn (PEG). Diese Seit betreibt seit dem 15. Dezember 2002
den Personennahverkehr auf den Regionalbahnlinien RB 36 „Ruhrort-Bahn"
(Duisburg-Ruhrort–Oberhausen Hbf) und RB 44 „Der Dorstener" (Oberhausen
Hbf–Dorsten). Zur Bedienung dieser Strecken wurden sechs Nahverkehrstriebwagen
vom Typ Talent gekauft. Vier der sechs „Talente“ sind dreiteilig und zwei sind
zweiteilig. Für die seit dem 12. Dezember 2004 betriebenen
„Westmünsterland-Bahn“ Dortmund Hbf–Coesfeld–Gronau–Enschede wurden nochmals elf
„Talente“ angeschafft. Aushilfsweise waren auch die Schienenbusse VT 98 und die
Doppelstock-Schienenbussse VT 670 im Ruhrgebiet (s. em 7/03) im Einsatz. Für
weitere NRW-Strecken laufen zurzeit noch Bewerbungsverfahren. Damit diese auch
zukünftig geschultert werden können, hat sich das erst 1996
gegründete Unternehmen (s. em 2/99) im September 2004 der britischen
Arriva-Gruppe angeschlossen.
Am 18. Mai konnte die PEG die neue Werkstatt samt Waschanlage, Verwaltung,
Sozial- und Übernachtungsräumen einweihen. In einer fast vergessenen und
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zugewachsenen Halle auf dem ehemaligen Gelände der Friedrich-Wilhelms-Hütte ist
nach über 25 Jahren Stillstand wieder neue Betriebsamkeit eingekehrt. Für die
Standortwahl entscheidend war das Vorhandensein eines gesicherten
Gleisanschlusses und eine möglichst zentrale Lage. Wie PEG-Geschäftsführer Dr.
Ralf Böhme erklärte, hat man nach Problemen bei der Übernahme von DB AG eigenen
Immobilien mit Gleisanschluss und bestehender Infrastruktur auf dem Gelände in
Mülheim einen idealen Standort gefunden. Auch die erforderlichen Überführungen
über die Hauptstrecke Oberhausen-Mülheim-Dortmund sind kein Problem und werden
von DB Netz flexibel gehandhabt. Leider existiert die ehemalige
Nahverkehrsstrecke Styrum-Ruhrort, einst Domäne der letzten Akkutriebwagen der
Baureihe 515, nicht mehr. Die Umsetzgleise dieser Strecke endeten in
unmittelbarer Nähe der neuen Werkstattzufährt. Der jetzige Gleisanschluss zweigt
im Bahnhof Styrum, im Bereich des Stellwerkes „Mf“, von der Hauptstrecke ab,
unterquert die Oberhausener Straße mit der Straßenbahnlinie 110 und führt auf
das durch ein Tor gesicherte Werkgelände. Gute Fotomöglichkeiten in das Bw
bestehen von der ehemaligen Trasse der Ruhrtalbahn Mülheim-Kettwig, die
ebenfalls in Styrum startete und heute als Radweg genutzt wird.
In der jetzt wieder genutzten Halle und dem angebautem Verwaltungsgebäude befand
sich früher ein Prüffeld. Wie Fundamente in unmittelbarer Nähe verraten, standen
Hochöfen, Kühltürme und weitere Hallen auf dem Gelände. Von der einstigen
Betriebsamkeit zeugen heute noch zugewachsene Gleise und überwucherte Straßen.
So fand auch die PEG das Gelände vor, auf dem heute immerhin noch rund 800
Menschen arbeiten. Inzwischen sind die Außenflächen gerodet, die Gleisanlagen
hergerichtet bzw. neu verlegt und der größte Teil des Gebäudes saniert. Zwei der
drei über 70 m langen Hallengleise sind bereits in Betrieb und mit
Wartungsgruben, Hebeböcken usw. ausgestattet worden. Da die DB AG keine
Waschstraße mehr im Einzugsgebiet der PEG betreibt, wurde eine solche Anlage
ebenfalls neu gebaut. Zurzeit wird ein Material- und Ersatzteillager
eingerichtet, um für weitere Aufgaben gewappnet zu sein. Sollten weitere
Ausschreibungen in NRW gewonnen werden, können die Anlagen des Privatbahn-Bw
weiter ausgebaut werden. Für das Abstellen weiterer Triebwagen stehen mehrere
Gleise vor einer noch von Thyssen
genutzten Halle und eine noch gleislose Freifläche neben der Werkstatt zur
Verfügung.
Zu wünschen lässt allerdings der verbliebene Güterverkehr auf dem Gelände. Zwar
werden täglich noch mehrere Wagen und bei Bedarf auch Torpedopfannenzüge an zwei
Stahlhändler und eine Gießerei zugestellt, jedoch ist inzwischen der ganze
Schrottverkehr auf Lkw verlagert worden. Auch die Schwertransporte rollen
überwiegend auf der Straße, da die Schienenfracht zu oft unpünktlich in den
Seehäfen ankam und die Schiffe nicht auf Anschlusszüge warten. Neben dem
zeitlichen Vorteil des Lkw ist auch die Verladung vor Ort ausschlaggebend.
Während der Lkw-Fahrer für das sichere Verzurren zuständig ist, muss bei
Bahnverladung der Kunde das Transportgut sichern und dabei zahlreiche
Vorschriften beachten. Allerdings werden in der Friedrich-Wilhelms-Hütte auch
heute noch Teile aus Stahlguss für Eisen- und Straßenbahnen hergestellt. Aktuell
sind Radkästen und Kupplungskopfgehäuse in der Fertigung.